Kieferorthopädische Frühbehandlung bei Kreuzbiss, Rückbiss, Vorbiss und offenem Biss: Wann sollte bei Kindern die Therapie beginnen?

Meistens wird eine kieferorthopädische Behandlung mit 10 bis 12 Jahren begonnen, also in der zweiten Phase des Zahnwechsels. In diesem Alter lockern sich die seitlichen Milchzähne und die restlichen bleibenden Zähne brechen durch. In manchen Fällen kann ein kieferorthopädisches Eingreifen schon früher notwendig sein, um den Behandlungserfolg sicherzustellen – je nach Fehlstellung, Zahnentwicklung und allgemeinem Körperwachstum des Kindes im Alter von sechs oder sieben Jahren.

im Bild: herausnehmbare Zahnspangen

 

Achten Sie schon im frühen Alter Ihres Kindes auf etwaige Symptome, die auf die Notwendigkeit einer kieferorthopädische Frühbehandlung hinweisen, um Ihrem Kind ein optimales Kieferwachstum, eine optimale Zahnfunktion und eine gute Zahnästhetik zu ermöglichen.

 

Ziel einer kieferorthopädischen Frühbehandlung bei Kindern

Ziel von Frühbehandlungen ist es, schwere Zahn- oder Kieferfehlstellung frühzeitig zu korrigieren oder zumindest so weit einzudämmen, dass eine herkömmliche kieferorthopädische Behandlung zu einem späteren Zeitpunkt mit Erfolg durchgeführt werden kann. Wenn erhebliche Fehlstellungen nicht frühzeitig behandelt werden, können sich die Kiefer nicht optimal entwickeln und die Fehlstellung verstärkt sich zunehmend.   Die Frühbehandlung erlaubt es hingegen, die optimalen Wachstumsvoraussetzungen für die Gebissentwicklung zu schaffen und weitere Folgeschäden zu vermeiden.

 

Gute Gründe für eine kieferorthopädische Frühbehandlung bei entsprechender Indikation

  •  Der Kieferorthopäde kann Kieferfehlstellungen frühzeitig korrigieren, da die Wachstumsfugen zu dieser Zeit besonders am Oberkiefer noch offen sind.
  •  Meist reichen noch einfachere kieferorthopädische Apparaturen für die Frühbehandlung aus
  •  Eine Zahnspange hilft, schädigende Gewohnheiten wie spätes Daumenlutschen abzugewöhnen
  •  Aufwand und Kosten sind insgesamt geringer, wenn bei Notwendigkeit frühzeitig eingegriffen wird

 

Zu den häufigsten Kieferfehlstellungen, bei denen die Therapiemaßnahmen frühzeitig eingeleitet werden sollten, zählen Kreuzbiss, starker Rückbiss, Vorbiss und der offene Biss.

im Bild: Kreuzbiss

Kreuzbiss: Die Unterkieferzähne beißen über die Oberkieferzähne, nach außen versetzt

 

Ursachen und Erkennungsmerkmale des Kreuzbisses

Normalerweise stehen die zur Wange oder Lippe gewandten Flächen der Oberkieferzähne beim Zusammenbeißen weiter außen als die Unterkieferzähne. Bei einem Kreuzbiss ist es umgekehrt – die unteren Zähne beißen weiter nach außen als im Gegenkiefer. Der Kreuzbiss ist eine häufige Fehlstellung, Ursache ist meist ein zu schmaler Oberkiefer. Aber auch ein zu großer Unterkiefer kann der Grund der Fehlstellung sein.

 

Es können nur einzelne Zähne betroffen sein, genauso kann der gesamte Kiefer in Mitleidenschaft gezogen sein. Einseitige Kreuzbisse führen zu einer Abweichung des Unterkiefers nach einer Seite, da der Unterkiefer beim Zubeißen nach links oder rechts abgleitet. Im Laufe der Zeit kommt es zu einem asymmetrischen Wachstum des Unterkiefers. Äußerlich kann sich dies in einer Asymmetrie des Gesichtes zeigen.

 

Die Ursache liegt meist im Seitenzahnbereich, dort hat sich der Oberkiefer nicht ausreichend breit entwickelt. Besteht der Kreuzbiss im Frontbereich, spielt meist eine Überentwicklung des Unterkiefers nach vorne (Progenie) oder eine Unterentwicklung des Oberkiefers (Pseudoprogenie) eine Rolle.

 

Einleitung der Therapie beim Kreuzbiss ab einem Alter von 6 Jahren

im Bild: Gaumenspange bei Kreuzbiss

Ein Kreuzbiss lässt sich nur durch ein aktives kieferorthopädisches Eingreifen behandeln. Je früher eine Therapie erfolgt, desto einfacher sind die notwendigen Maßnahmen. Die Fehlstellung kann erhebliche Folgen für Zähne und Kiefer haben, Kopfschmerzen und Kiefergelenkschäden verursachen und die gesamte Körperhaltung negativ beeinflussen. Deshalb sollte eine Therapie sehr früh beginnen.

 

Wir empfehlen Ihnen, bei einem Hinweis auf die oben beschriebenen Symptome und Merkmale die Behandlung zwischen dem 6. und 9. Lebensjahr zu beginnen, da man in dieser Phase noch sehr effektiv auf die Wachstumsfugen des Gesichtsschädels Einfluss nehmen kann.

Rückbiss: Zurückliegender Unterkiefer, die Frontzähne des Oberkiefers stehen weit vor den vorderen Unterkieferzähnen

 

Ursachen und Erkennungsmerkmale des Rückbisses

im Bild: Unterkieferlage bei Rückbiss

Beim Rückbiss liegt der Unterkiefer meist sehr weit zurück und die oberen Schneidezähne stehen dadurch zu weit nach vorn. Häufig beißen die unteren Schneidezähne in die Gaumenschleimhaut des Oberkiefers ein. Ein Rückbiss kann genetisch bedingt sein. Weitere häufige Ursachen sind langjähriger Schnullergebrauch oder Daumenlutschen. Bei starker Ausprägung besteht durch die stark vorstehenden Schneidezähne eine erhöhte Verletzungsgefahr, was einen frühen Behandlungsbeginn rechtfertigt.

 

Behandlung des Rückbisses bereits im frühen Kindesalter

Ein Rückbiss kann im frühen Kindesalter gut mit funktionskieferorthopädischen Geräten behandelt werden. Zu diesen zählt der Bionator. Bei starker Ausprägung der Kieferabweichung sollte nach dem Durchbruch der bleibenden Schneidezähne mit der Therapie begonnen werden. Als äußerst wirksam hat sich auch die Vorschubdoppelplatte erwiesen. Sie besteht aus einem Ober- und Unterkieferteil und zeichnet sich durch einen hohen Tragekomfort aus. Voraussetzung für den Therapieerfolg ist, dass die Tragezeiten im aktiven Wachstumsalter des Kiefers eingehalten werden. Bei spätem Wachstumsalter oder wenn die Bereitschaft zur Mitarbeit durch das Kind eingeschränkt ist, empfiehlt sich eine Korrektur des Rückbisses mit einer Forsus-Feder. Diese Druckfeder wird an einer regulären Zahnspange befestigt. Auch die sogenannte MARA- Apparatur eignet sich sehr gut für eine Spätkorrektur.

im Bild: Vorschubdoppelplatte bei Rückbiss

 

im Bild: vorstehender Unterkiefer bei Vorbiss

Vorbiss (Progenie): Vorstehender Unterkiefer, beim Beißen liegen die unteren Zähne vor den Oberkieferzähnen, besonders im Frontbereich

 

Ursachen und Erkennungsmerkmale des Vorbisses

Ein Vorbiss resultiert meist aus einem zu kleinen Oberkiefer oder einem zu großen Unterkiefer. Als Folge stehen die oberen Frontzähne hinter den unteren Frontzähnen (frontaler Kreuzbiss) oder die Frontzähne stehen direkt übereinander (Kopfbiss). Begleitet wird diese Fehlstellung häufig von einem vorstehenden Kinn als Folge des vorverlagerten Unterkiefers. Auch die untere Lippe steht beim Vorbiss vor der Oberlippe.

 

Weist ein Elternteil diese Fehlstellung auf, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch das Kind betroffen ist, da die Anlage dazu oft genetisch bedingt ist. Der Vorbiss kann durch eine Überentwicklung des Unterkiefers nach vorne (Progenie) oder eine Unterentwicklung des Oberkiefers (Pseudoprogenie) entstehen.

 

Behandlung des Vorbisses ab einem Alter von 7 Jahren

Um einen guten Therapieerfolg zu erzielen, sollte die kieferorthopädische Behandlung bei diesen Fehlstellungen möglichst bald erfolgen, etwa im Alter von 7 Jahren. Geeignete Behandlungsgeräte sind überwiegend herausnehmbar und zählen zu den funktionskieferorthopädischen Apparaturen. Die sogenannte Rückschubdoppelplatte hat sich bei ausreichender Mitarbeit der Patienten als sehr effektiv erwiesen. Die Rückschubdoppelplatte ist eine Art Zahnspange mit „aktiven Platten“ und verstellbaren Zusatzkomponenten, über die sich die Apparatur so einstellen lässt, dass der Kiefer in die Breite und nach vorne optimal wächst.

im Bild: Rückschubdoppelplatte herausnehmbare Zahnspange bei Vorbiss

Bei spätem Behandlungsbeginn, sehr deutlicher Ausprägung der Anomalie, massivem Wachstumsschub besonders während der Pubertät und wenn der jüngere Patient nicht ausreichend mitarbeitet, ist die Korrektur der skelettalen Abweichung manchmal nur durch einen chirurgischen Eingriff möglich. Besonders im Erwachsenenalter ist eine kombinierte Behandlung notwendig: Eine festsitzende Zahnspange begradigt die Zähne und durch einen kieferchirurgischen Eingriff erfolgt die optimale Koordination der Kiefer.

 

im Bild: Bisslage bei offenem Biss

Offener Biss: Beim Schließen der Kiefer treffen sich nur die Seitenzähne, im Bereich der Frontzähne bleibt jedoch eine Lücke.

Ursachen und Erkennungsmerkmale des offenen Bisses

Beim offenen Biss treffen bestimmte Bereiche des Gebisses beim Zusammenbeißen der Zähne nicht aufeinander. Das Gebiss lässt sich also nicht vollständig schließen –das Kauen, Beißen und Sprechen ist beeinträchtigt. Die Fehlstellung kann durch eine genetische Komponente bedingt sein, darüber hinaus spielen Gewohnheiten wie Daumenlutschen oder der langjährige Gebrauch von Schnullern eine ursächliche Rolle.

 

Man unterscheidet den frontal offenen Biss vom seitlich offenen Biss. Beim frontal offenen Biss haben die Frontzähne vertikal einen Abstand zueinander und das Sprechen und Abbeißen wird behindert. Der frontal offene Biss geht oft einher mit einem zu schmalen Oberkiefer, was zu einem seitlichen Kreuzbiss führen kann. Bei einem seitlich offenen Biss ist das Kauen eingeschränkt. Da eine optimale Kaufunktion nicht gegeben ist, kommt es häufig zu Verdauungsstörungen.

 

Der offene Biss kann eine gestörte Nasenatmung mit ungünstiger Zungenpositionierung zwischen den Zähnen zur Folge haben. Auch die Mundatmung ist eine häufige Folge. Sie führt wiederum zu einem falschen Schluckverhalten. Oft besteht zusätzlich noch ein mangelnder Lippenschluss. Deutliche, von außen sichtbare Symptome des offenen Bisses sind ein offenstehender Mund sowie Atmen durch den Mund statt durch die Nase. Trockene und rissige Lippen können ein weiteres Anzeichen sein.

 

Behandlung des offenen Bisses ab einem Alter von 7 Jahren

Eine Behandlung sollte bei Kindern frühzeitig im Alter von 7 bis 8 Jahren eingeleitet werden. Bei einer frühen Einflussnahme kann eine deutliche Ausprägung dieses Fehlbisses vermieden werden. Wichtig ist auch das Abstellen von negativen Gewohnheiten, wie Daumenlutschen und der Gebrauch von Schnullern.

 

Ein offener Biss kann mit funktionskieferorthopädischen Geräten effektiv korrigiert werden. In unserer Praxis für Kieferorthopädie in Nürnberg, Feucht und Hilpoltstein zeigen die Behandlungen mit dem Offenen-Biss-Aktivator nach Prof. Sander bei ausreichender Mitarbeit des Kindes und richtiger Indikationsstellung gute, stabile Therapieergebnisse. Bei deutlicher Ausprägung jenseits des Wachstumsalters ist eine kieferchirurgische Korrektur des offenen Bisses jedoch meist die einzige mögliche Lösung.

offener Biss    Bissaktivator bei offenem Biss

Selten zu früh: Eine Kontrolle durch den Kieferorthopäden bringt Sicherheit und beste Chancen auf eine gelungene Korrektur 

Wir empfehlen Ihnen, mit Ihrem Kind einen ersten Kontrolltermin beim Kieferorthopäden im Alter von ca. sechs Jahren wahrzunehmen – insbesondere wenn Sie bei Ihrem Kind eines der oben beschriebenen Merkmale oder Symptome feststellen. Bei der Erstkontrolle werden der Stand der Zähne und des Kiefers, die Sprache, die Atmung sowie die Kau- und Beißfunktion geprüft. Die Ursachen von Sprachstörungen, Mundatmung und Mundtrockenheit werden ermittelt.

 

Ist eine Frühbehandlung notwendig, kann sie rechtzeitig eingeleitet werden. Auch wenn dies nicht der Fall ist, sind weitere Kontrolluntersuchungen in regelmäßigen Intervallen sinnvoll. Damit ermöglichen Sie Ihrem Kind die optimale und effizienteste Behandlung. Bei einer Frühbehandlung ist der Aufwand fast immer geringer als später – bei oftmals nur geringem technischem Aufwand. Je früher Fehlstellungen von Zähnen und Kiefer erkannt und behandelt werden (siehe Bild Bissaktivator), umso besser kann das weitere Wachstum von Zähnen und Kiefern verlaufen.

 

Für die Behandlung von jüngeren Kindern nehmen wir uns viel Zeit, um eine angenehme zwischenmenschliche Atmosphäre zu schaffen und das Vertrauen des jungen Patienten zu gewinnen. Erst dann beginnen wir mit der eigentlichen Untersuchung sowie der Anfertigung von Zahnabdrücken, Fotos oder Röntgenaufnahmen. Sie und Ihr Kind sind gut beraten, wenn Sie auf ein solches Vorgehen achten.

 

Ihr Dr. Dr. Dieter Lutz

 

Weiterführende Links:

Kieferorthopädische Frühbehandlung

Lingualbehandlung: Die innenliegende Zahnspange

Invisalign® für Teenager

Blogbeitrag: Wann sollten Eltern mit ihrem Kind zum Kieferorthopäden?